Die Schuldfrage zum Pflegenotstand in Hamburg

In einer Pressemitteilung des Ver.di Landesvorstandes Hamburg wird die Frage gestellt, „kommt es zum Pflegenotstand in Hamburg?“ Anlass zu dieser Frage gibt die Tatsache, dass 340 Pflegekräfte von ihrem Rückkehrrecht zur AÖR (Anstalt öffentlichen Rechts) Gebrauch gemacht haben. Der Grund dieser Rückkehr wird von der stellvertretenden Landesbezirksleiterin Detsch mit der allgemeinen Situation der Pflege in Zusammenhang gebracht.

Fehlende Qualifikation und Qualitätsmängel beim Pflegepersonl

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Die Gründe für Personal- und Sachkosteneinsparungen werden nicht zuletzt auch mit der Einführung der Pflegeversicherung in Verbindung gebracht. Der verursachende Faktor für Mängel an Qualifikation und Qualität der Pflege ist aber auch an anderer Stelle zu suchen.

Pflegeberufe leben zu einem gewissen Teil von sog. Quereinsteigern, die mittels Umschulungen durch entsprechende Träger in das Pflegegeschehen eingebunden werden.

Finanziert werden solche Umschulungen auch durch die Agentur für Arbeit. Bereits die Auswahlverfahren für die Zulassung zur Umschulung sind sehr unterschiedlich gehalten. Während Träger „A“ beispielsweise ein ärztliches Attest einfordert, dass u.a. auch die psychische Eignung bescheinigt, wird bei Träger „B“ dieses nicht verlangt. Ebenso verhält es sich bei der Vorlage eines aktuellen polizeilichen Führungszeugnisses. Beide Bescheinigungen erscheinen mir als nicht unbedeutend hinsichtlich einer Eignung für einen Pflegeberuf.

Fragliche Aufnahmetests

Ob ein sehr ausgeprägter Mathematiktest mit Realschulcharakter die Eignung als Pflegekraft hervorbringt sehe ich als zweifelhaft an. Umschulungswillige Personen werden dadurch u.U. „ausgesiebt“, weil sie ggf. vor 20 Jahren zuletzt die Schulbank gedrückt haben, deswegen aber nicht ungeeignet für diesen Beruf wären.

Finanzielles Interesse höher als Ausbildungswille

Bildet ein Umschulungszentrum im Vorkurs Klassengrößen bei denen bereits zu Anfang feststeht, dass 50 % der Umschüler durchrasseln müssen, weil die Umschulung selbst nur maximal die Hälfte dieser Klassengröße vorsieht, scheint mir hier das finanzielle Interesse des Bildungshauses mehr im Vordergrund zu stehen an Stelle vom eigentlichen Ausbildungswillen. Abgesehen davon, dass hier öffentliche Gelder „verschleudert“ werden, gelangen ggf. geeignete Kräfte nicht auf die Umschulungsschiene weil „kein Platz ist“.

Lehrkräfte mit eingeschränkter Objektivität

Für die Umschulungszentren sind u.a. auch Dozenten tätig. Lassen sich diese Lehrkräfte durch die Freundlichkeit (ich nenne es Schleimerei) der Schüler und deren kleinen mitgebrachten Geschenke beeinflussen, trübt dies auch wieder das eigentliche Klassenziel erhöht aber für die entsprechenden Schüler die Chance für das „Weiterkommen“.

Die Neutralität einer Lehrkraft ist spätestens dann hinüber, wenn diese verschiedene Schüler zum Mittagstisch abholen kommt im Gegenzug dazu aber offensichtliches Mobbing innerhalb der Klasse nicht unterbindet. Lässt sich die Lehrkraft dazu hinreißen, dass über bereits verteilte Zensuren „nachverhandelt“ wird, sind die Ergebnisse alles andere als aussagekräftig.

Die Klassengemeinschaft geht auch dann vollkommen verloren, wenn die Lehrkraft speziell mit ihren auserkorenen Lieblingen außerplanmäßige Raucherpausen einlegt und diese massiv überzieht, während der Rest der Klasse untätig im Schulungsraum warten muss.

Solch selbstherrlichen Aussagen der Lehrkraft wie

Ich habe es in der Hand, wer in diesem Vorkurs weiterkommt und wer nicht!

sprechen eine deutliche Sprache und sind ein Warnsignal dafür, mit welch ungeeigneten Methoden der Umschulungsträger zu Werke geht.

Ein Lernziel zu erreichen wird auch dann unmöglich, wenn der Unterricht nur durch zahllose Zwischenrufe geprägt ist und normale Wortmeldungen komplett übergangen werden. Direktes Ansprechen der Lehrkraft auf die Missstände wird kurzerhand unter den Teppich gekehrt, weil „nicht sein kann, was nicht sein darf.“

Wenn Schüler den Unterrichtsverlauf frei bestimmen

Eine Pflegekraft sollte auch über ein fundiertes Wissen verfügen. Für sehr fragwürdig erscheint es dann, wenn ein fachlich gehaltenes Referat (Präsentation) zur Alten- und Krankenpflege von der Lehrkraft minderbewertet wird, nur weil einzelne Umschulungsteilnehmer der deutschen Sprache absolut nicht mächtig sind und versuchen dem Unterricht mit einem „Übersetzungscomputer“ zu folgen und deswegen auf Nachfrage der Lehrkraft das Referat „nicht verstanden“ haben.

Auch das Rückversetzen der Wertigkeit im Notenspiegel eines fachbezogenen Referats im direkten Vergleich zu Referaten über „Buddhismus“, über „Hamburg“ oder die „polnische Küche“ halte ich für sehr denkwürdig hinsichtlich der qualitativen Ausbildung von Pflegefachkräften.

Keinen Ansprechpartner für Missstände

Obwohl die Agentur für Arbeit solche Kurse finanziert mit dem Ziel entsprechendes Fachpersonal auf den Pflegemarkt zu bringen, findet man dort keinen Ansprechpartner, der sich für diese Missstände wirklich interessiert. Alleiniges Kopfschütteln oder Achselzucken beseitigt diese Umstände sicherlich nicht.

Die Regierung, die Agentur für Arbeit und nicht zuletzt auch die Hansestadt Hamburg als solches wären sehr gut beraten, solchen Umschulungszentren auf die Finger zu schauen, die Umschüler intensiv zu befragen und die Ausbildungsqualität zu überprüfen.

Nur dann ist es möglich durch öffentliche Gelder finanzierte, ausbildungswillige Umschüler wirklich effektiv im Pflegekreislauf einzusetzen, auf was unsere Gesellschaft ein Anrecht hat.

Die hier beschriebenen Umstände beruhen nicht auf „Hörensagen“ sondern aktuellen Tatsachen. Auch im Nachrichten-Blog für Hamburg wurde das Thema „Defizite bei der Ausbildung“ kürzlich schon aufgegriffen.

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Update 02.11.2010: Wenn sogenanntes Fachpersonal zum Einsatz kommt, welches seinen Beruf nicht als Berufung versteht sondern einfach als Job, dann sind solche Erlebnisse in einer Klinik nicht besonders verwunderlich.

Thomas Liedl

Thomas Liedl

Ich beschäftigte mich mit gemischten Themen aus Gesellschaft, Politik, Technik und Sport. In meinen Praxistests schreibe ich über eigene Erfahrungen mit Produkten bzw. Dienstleistungen im Netz. | Facebook | Twitter | LinkedIn

3 Kommentare zu “Die Schuldfrage zum Pflegenotstand in Hamburg”

  1. Epikrise der Krankenpflege sagt:

    manueller Trackback:

    …Wie sehr man in Hamburg an einer Lösung für ein offensichtliches Pflegeproblem interessiert ist, wir deutlich, wenn man Sätze liest wie:

    Wir haben früh auf die sich entwickelnde Schieflage in der Pflege hingewiesen. Wir haben politische Initiativen für eine Verbesserung der Situation vorgelegt. Die …

  2. Mareike Brunner sagt:

    Kleines Update: Die kürzlich (Februar 2012) verabschiedete „Pflegereform“, die etwas von den hier angesprochen Miseren ändern soll, bzw. zumindest die Pflege für Angehörige erleichtern und somit auch die Situation in den Pflegheimen entspannen. Denn die hier aufgezeigten Misstände sind unerhört. In jedem der Pflegeheime Hamburg ist die Situation weit entfernt von entspannt. Das habe ich am eigenen Leib as Angehörige erlebt. Doch ich weiß nicht, wie die Hamburger aus dem pflegenotstand heruaskommen können..hoffentlich fällt der Politik etwas gescheiteres als die jetzige Reform ein. Grüße, Mareike

    1. Thomas sagt:

      @Mareike: Willkommen bei Nicht spurlos und Danke für Dein „Update“. Pflegereformen sind natürlich in erster Linie viel Papier… und das ist bekanntlich sehr geduldig. In wie weit was davon umgesetzt wird muss sich erst beweisen. Besonders wichtig ist natürlich wie Pflegepersonal zu seiner Arbeit steht. Wird die Arbeit als „Lob“ gesehen und einfach heruntergerissen sieht es anders aus als wie wenn man speziell diese Arbeit als Berufung sieht. Dies tun wohl in manchen Heimen eher die wenigsten. Hier sehe ich leider das größte Problem.

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