Praxistest

Wer geglaubt hatte, dass meine klinischen Herbsterlebnisse alles waren irrt sich genauso wie ich mich irrte – leider. Was im Norden Hamburgs begann fand im östlichen Stadtteil Wandsbek seine Fortsetzung.

Was seitens der Heidbergklinik immer als Reha deklariert wurde, die ja zunächst auch für Bad Malente angedacht war, entpuppte sich nach knapp zwei Wochen als eine „Früh-Reha“. Dies allerdings im AK Wandsbek, was uns erst kurzfristig vorher mitgeteilt wurde. Die Klinik in Bad Malente hätte die Reha „abgesagt“, so lautete die Begründung uns gegenüber. Und das obwohl sich zwischen Zu-und Absage nichts verändert hatte?

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Eine solche Einrichtung für Früh-Reha nennt sich Geriatrie was gleichbedeutend ist mit Altersmedizin. Die Verlegung nach Wandsbek wäre genau genommen gar nicht notwendig gewesen, da es eine solche Abteilung auch im AK Heidberg gibt.  Auf eine Trage geschnallt wie „zwei Ersatzreifen“ kam meine Mutter in Wandsbek an und wurde in ihr Zimmer transportiert.  Die nachvollziehbare Aufregung hinsichtlich des Transportes und vor allem die Kosten dafür hätte man vermeiden können. Macht mir ein wenig den Eindruck als wüsste man genau um die Pannen im AK Heidberg und wollte die Patientin loswerden.

Das erste was mir sehr negativ aufgefallen war, alle Patientenzimmer sind mit Ausnahme eines Waschbeckens ohne sanitäre Anlagen. Die Toilette befindet sich stets außerhalb des Zimmers. Die Patienten müssen also mit Nachthemd oder Pyjama vor den Augen aller Besucher auf den Gang und zur Toilette gehen. Eine gewisse Intimsphäre lässt dies vollkommen vermissen.

Das Personal ist nach Abschluss des Aufenthaltes in zwei Kategorien einzuordnen. Einmal jene, die ihren Beruf gerne machen und entsprechend aufmerksam handeln und dann die anderen denen es anscheinend vollkommen egal ist – „komm ich heut nicht, komm ich morgen“! Und auch die Ärzteschaft lässt sich so klassifizieren. Einmal bereitwillig in Sachen Auskunft, hilfsbereit und stets auf dem Stand der Dinge und einmal gnadenlos überfordert, Verantwortung anscheinend von sich schiebend. Ich sag nur Stichworte wie  „Schlaftablette“ oder Teebeutel zum Lutschen, welche alle genau dieser Klinik zuzuordnen sind.

Organisation ist sicherlich nicht das große Talent der Abteilung. Rollstühle müssen gesucht werden und passende Fußraster für die selben fehlen. Am gravierendsten finde ich allerdings, wenn therapeutische Handlungen, die es sowieso nur einmal täglich gibt wegen Personalmangel komplett ausfallen – und das nicht nur einmal. Der Begriff Reha lässt hier doch sehr zu wünschen übrig. Die kleinen Fortschritte meiner Mutter haben wir nur einem Therapeutenteam zu verdanken, das sich wirklich sehr bemüht hatte!

Verunsichert wurden wir als Angehörige auch von Aussagen seitens des Sozialdienstes. Wurde von dort entgegen den Tatsachen doch glatt behauptet, dass die Patientin seit einer Woche keine Fortschritte erzielt und ein Antritt der Reha in Bad Malente sehr unwahrscheinlich sein. Im Klartext: Entlassung aus dem AK Wandsbek als Pflegefall. Bevor man derartige Meldungen von sich gibt sollte man sich über den aktuellen Stand der Dinge informieren und nicht einfach drauf los schnacken!

Eine Bitte ans Pflegepersonal sich die offene und schmerzende Ferse der Patientin anzusehen bzw. diese zu verbinden wurde zwar zur Kenntnis genommen und Abhilfe zugesagt, 40 Minuten danach kümmerte sich jedoch immer noch niemand darum. Selbst 24 Stunden später, also am nächsten Besuchstag war die Ferse noch immer unversorgt geblieben.

Am übelsten nehme ich dem AK Wandsbek allerdings die Verabreichung von Haldol (Haloperidol). Für dieses Medikament gibt es nicht nur zahlreiche Warnhinweise zur Verabreichung, meine Mutter leidet auch unter Erkrankungen die den Einsatz von Haldol doch sehr fragwürdig erscheinen lassen:

  • erhöhtes Schlaganfallrisiko
  • Herzrhythmusstörungen / Herzschwäche
  • niedriger Kaliumspiegel

Gegen letzteres wurde sie sogar mit mehreren Infusionen behandelt, die beiden anderen Gründe waren ebenfalls hinreichend bekannt :nenene: . Abgesehen davon sind die eigentlich psychiatrischen Anwendungsgebiete keineswegs indiziert gewesen. 3 Tropfen am Abend? Ein Schlingel der hier Böses denkt. Eine der bekannten Nebenwirkungen sind auch Schlafstörungen. Genau diese hatte sie immer beklagt, heute weiß ich warum. Behandelt wurden diese zunächst mit Baldriantropfen. Von diesen auf Haldol zu wechseln ist schon krass.  Tagsüber fielen wegen ihrer Müdigkeit auch öfter mal Anwendungen aus – auch das kann ich heute nachvollziehen.

Es gab noch etliche „Kleinigkeiten“ auf die ich nicht näher eingehen möchte. Als Fazit bleibt festzustellen, das AK Wandsbek bot uns nicht so extreme Erlebnisse wie wir es aus dem AK Heidberg kannten. Ein kleiner Pluspunkt, wenn man es unbedingt als solchen sehen möchte. Andere Bewertungen (auch zur Geriatrie) zeigen, dass man nicht alles als Zufall deklarieren und entschuldigen kann.

In Sachen Hygienevorschriften steht Wandsbek Heidberg nicht viel nach. Auf dem Flur stand von einem Freitag bis Montag ein Bett mit der Aufschrift in großen Lettern „MRSA, der Krankenhauskeim schlechthin. Wie viele Patienten und Besucher an diesem nur mit einer Folie abgedeckten Bett in dieser Zeit vorbei liefen weiß ich nicht – genügend jedenfalls, stand es doch direkt am Eingang zur Station.

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Zwischenzeitlich hat meine Mutter ihren „wirklichen“ Reha-Platz in Bad Malente erreicht, dazu hier und später sicherlich mehr.

Über Thomas Liedl
Ich beschäftigte mich mit gemischten Themen aus Gesellschaft, Politik, Technik und Sport. In meinen Praxistests schreibe ich über eigene Erfahrungen mit Produkten bzw. Dienstleistungen im und außerhalb des Internets. | Facebook | Twitter | LinkedIn

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