in ordnung

Heute, am 15. Mai 2020 ist der internationale Tag der Kriegsdienstverweigerer. Nun mag der eine oder andere sagen – na und, was geht das mich an. Kriegsdienstverweigerer sind doch nur Feiglinge, Luschen und Versager die nicht zur Bundeswehr wollen. Zumindest ist diese Meinung relativ häufig zu finden, mir jedenfalls ist sie schon oft begegnet. Heute nicht mehr so gemehrt wie vor einigen Jahrzehnten, denn auch ich war und bin ein Kriegsdienstverweigerer. Und dazu stehe ich auch heute noch öffentlich, damit habe ich absolut kein Problem. Ein Problem habe ich damit nie gehabt, außer dass man eben von bestimmten Zeitgenossen „etwas schief angeguckt“ worden ist. Konnte ich recht gut damit leben.

Gründe warum ich Kriegsdienstverweigerer geworden bin

Kein Grund warum ich den Dienst an der Waffe abgelehnt habe war Angst – vor wem oder was auch immer. Ich hatte weder Angst vor eventuellen Gefahren noch vor dem Dienst als solches. Mein Beweggrund warum ich den Kriegsdienst verweigert habe lag schlicht und einfach in meiner persönlichen Überzeugung, dass dieser Dienst niemandem aus unserer Gesellschaft von Nutzen sein kann. Der Dienst an der Waffe mit all seinen verschiedenen Stationen – angefangen von der Grundausbildung bis zur Entlassung aus der Bundeswehr* – ist aus meiner Sicht nichts anderes als das virtuelle Kriegsspiel von einer Spielekonsole weg, rein in die Realität versetzt zu haben. Nicht mehr und nicht weniger.

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Ich bin auch heute noch der festen Überzeugung, dass man „den Ernstfall“ oder wie Insider es nennen den „V-Fall“ mit Nichten üben kann, in welcher Form auch immer! Es wird immer ein Unterschied bleiben, ob ich mit Platzpatronen und Übungsgranaten im sumpfigen Gelände um mich werfe, oder ob ich tatsächlich in einem realen und wirklich lebensbedrohlichem Gefecht feststecke. Im Ernstfall reagiert der Mensch anders als wie wenn er weiß, dass alles „nur Show“ ist. Und in dieser spielerischen Szenerie sah und sehe ich auch heute noch keinen Vorteil für unsere Gesellschaft. Abgesehen davon, dass ein neuerlicher „V-Fall“ – ähnlich dem wie vor 75 Jahren – sowieso nicht im Schützengraben entschieden wird. Wozu also das ganze Klimm-Bimm?

Ein weiterer Grund war, dass ich mich nicht einem Menschen unterwerfe und zu seinem persönlichen Spielball werde nur weil er einen Titel (Rang) inne hat. Mit Nichten würde ich nachts um halb Drei aufstehen, „meine sieben Sachen packen“ und bei Wind und Wetter im Hof meine Aufstellung beziehen, nur weil es dem „Herrn Oberst“ selbst an Schlaf mangelt und er eben keine besseren Ideen hat. Mit Nichten hat es mit der „Formung“ eines heranwachsenden Menschen zu tun, wenn man diesen durch jeden Dreck jagt, im seinen Spint dreimal in Folge „umwirft“ und neu einräumen lässt und dergleichen mehr. Für die Formung eines charakterlich gefestigten und mit beiden Beinen im Leben stehenden Menschen braucht es mehr als derartige Psychospielchen. Und gehört habe ich von solchen nicht so ganz selten.

kriegsdienstverweigerer
Dienst an alten und kranken Menschen anstatt an der Waffe.

Da ich also wegen permanenter Befehlsverweigerung häufig im Knast der Bundeswehr gesessen hätte habe ich beschlossen die soziale Schiene einzuschlagen. Als Kriegsdienstverweigerer bin ich seinerzeit 24 Monate lange in einem Alten- und Pflegeheim tätig gewesen. Was ich dort 2 Jahre lang geleistet habe, in und um das Haus, hat den dort lebenden Menschen um ein Vielfaches mehr genützt als dies die Jagd nach imaginären Schulterklappen hätte jemals auch nur ansatzweise tun können.

Das Anreichen von Nahrung bei denen die es selbst nicht mehr konnten, den gelähmten Opa mit dem Rollstuhl auf die Terrasse in die Sonne schieben oder der „Omi von nebenan“ aus einem Buch vorlesen. All das hat wirklich Sinn und Tiefe, nicht das Zielen auf Pappkameraden. Der Einblick „in das Leben“ dort hat mich mit einem nicht unerheblichen Anteil zu dem geformt, der ich bis heute bin. Und – ich würde mich heute wieder ganz genauso entscheiden wie ich es damals getan habe Kriegsdienstverweigerer zu werden.

Eine Frage der Sicht auf die Werte

Wie schon erwähnt, nicht die Bundeswehr macht Heranwachsende zu „echten Männern“ (ich schließe hier Frauen bei der BW nicht bewusst aus), sondern das ist das Leben als solches. Wenn jemand dazu geboren ist und es für sein persönliches Ego als unumstößlich hält den Dienst an der Waffe zu vollziehen, dann soll er das bitteschön tun. Gerne meinetwegen auch als Berufssoldat. Wenn jemand der Überzeugung ist, dass das was er dort tut gut und richtig ist akzeptiere ich das. Das wiederum bedeutet nicht dass ich es persönlich für gut heißen muss. Aber jemanden mittels einer Pflicht hierzu zu zwingen halte ich strikt für falsch.

Deswegen ziehe ich noch heute vor jedem den Hut, der den Dienst an der Waffe verweigert und stattdessen Dienst an der Gesellschaft vollzieht. In diesem Sinne noch einen schönen restlichen internationalen Tag der Kriegsdienstverweigerer.

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