marionetten selbstdarsteller

Da ist es mir doch glatt passiert, dass ich bei einem Antwortschreiben bzw. vielmehr in der Anrede desselben den Titel der betreffenden Person vergessen habe. Ich schrieb nur „Sehr geehrter Herr V.“ anstelle des wohl aus welchen Grund auch immer zwingend vom Empfänger erwarteten „Sehr geehrter Herr Dr. V.“. Was für ein böser Unhold ich doch bin. Mir wäre das auch gar nicht weiter aufgefallen – im Nachhinein ohnehin nicht – wenn ich nicht in einem extra Schreiben des Herr V. (und nun lasse ich den Dr. abermals und völlig bewusst weg) darauf hingewiesen worden wäre. Dieses Schreiben enthielt nichts weiter, nichts zum eigentlichen Sachverhalt, ausschließlich nur den Hinweis darauf, dass eben der Titel vergessen wurde und worauf man bei künftigen Schriftwechseln doch bitteschön achten möge.

anrede brief titel

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Gegenseitiger Respekt, rechtlich zustehende Verwendung seines Namens…..! Als ich das las kam ich mir wirklich vor wie im sprichwörtlich besagten falschen Film. Und was heißt hier eigentlich „bewusst oder unbewusst“? Hier hat doch wirklich jemand den Schuss nicht gehört. Und dafür sah man es als echt als notwendig an einen extra Brief zu schreiben, womöglich noch per Diktat nach ganz alter Schule? Oh du lieber Himmel Du mein Vater.

Ich gönne jedem seinen erworbenen (ggf. angeborenen) Titel ob nun akademischer Art oder als Adelstitel. Ich verwende ihn auch in Anschriften, Anreden etc. gar keine Frage auch wenn man bei manch einer Anschrift eine extra Zeile benötigt um alle Titel unterzubringen. Wenn allerdings jemand wie Herr V. aus Homburg (Saar) aus einem Versehen ein derartig unnötiges Aufsehen verursacht und mit Nachdruck auf die korrekte Nennung seines Titels besteht hört bei mir „der Spaß“ auf. Eine so deutlich hervorstechende Selbstverliebtheit ist mir bisher wirklich noch nicht unter gekommen und ich hatte es weiß Gott mit schon vielen „Titelträgern“ zu tun.

Meine ganz persönliche Prämisse in Sachen von Titeln, Namen und eben den anderen Begrifflichkeiten lautet: Es sind Ansammlungen von Buchstaben, nicht mehr und nicht weniger. Ein Titel macht jemanden zu keinem besseren Menschen, auch dann nicht wenn das eine oder andere In­di­vi­du­um ganz fest davon überzeugt sein mag. Und übrigens, akademische Grade sind kein Teil des bürgerlichen Namens gemäß § 12 BGB und somit nicht einklagbar. Soviel nur wegen des Hinweises zum rechtlichen Anspruch auf die „korrekte Nennung“ des Namens. Diese Tatsache ist „Herrn Doktor“ trotz seines Studiums wohl völlig entgangen.

Warum manche Menschen so einen Hype um Titel und Namen veranstalten entzog sich bisher stets meiner Kenntnis und auch meinem Verständnis dafür. Daran wird sich auch in Zukunft nicht verändern. Herr V. wird das hier zwar mit Sicherheit nicht lesen – auf die Stufe eines Normalbürgers, eines Bloggers gibt sich ein solcher „Dr.“ doch nicht herab – aber er kann sich sicher sein, dass ich bei weiteren Schriftwechseln sofern sie nötig sind den Titel weglassen werde. Es war ursprünglich ein Versehen gewesen, ab sofort ist es hier ganz bewusst und wenn es sein muss mit drei Schriftgraden größer damit es auch ins Auge fällt.

Wenn eben diese zwei Buchstaben augenscheinlich in unserem Leben noch das einzige sind worauf wir Wert legen, an dem wir vehement festhalten usw. usf. dann ist es wahrlich weit gekommen. Eigentlich traurig aber eben wohl der Lauf unserer Zeit, der fortschreitende Weg und das unverhüllte, wahre Gesicht einiger Marionetten unserer Gesellschaft. Irgendwie finde ich das einfach reichlich kindisch, sorry!

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4 Kommentare zu „Titel, Namen und andere Begrifflichkeiten“

  1. Wenn man es doch nötig hat?!?! …

    Ich habe ein paar promovierte Kollegen, die darum bitten, dass man sie NICHT mit ihrem Titel anspricht, weil sie sich aus der Kollegenschaft nicht abheben möchten, die meisten wissen gar nicht, dass diejenigen ein Dr. vor dem Namen tragen.

    Aber wer bin ich schon, dass ich das Verhalten des HERRN V. albern finden darf? Ich gehöre ja schließlich auch nur zur Holzklassenabteilung.

    1. Das lässt diese Kollegen als „angenehme Zeitgenossen“ erscheinen. Solche Ausnahmen gibt es natürlich auch, nur treffen muss man sie eben. Und das mit der Holzklassenabteilung: Da gibt es im tiefen Süden einen etwas derberen Spruch den ich an so einer Stelle gerne anwende.

      Die Holzklassenabteilung ist mir am Ars.. lieber als die promovierte Abteilung im Gesicht.

      Und ich weiß sehr genau, dass der hohe Norden genauso wie der tiefe Süden mit solcher Art von Humor umgehen kann, deswegen wende ich ihn hier an.

  2. Na das würde bei mir auch eine partielle Amnesie auslösen, den Titel würde ich sofort vergessen. Für immer.
    Neulich hab ich einem Klinikdirektor einen Professor „angehängt“, weil in der Position ist das eigentlich üblich. Hat er gesagt „für den Quatsch hatte er keine Zeit“. Voll sympathisch.
    Ich will erworbene Titel an sich nicht entwerten, aber von dem Nicht- Professor würde ich mich- wenn ich müsste- operieren lassen, der ist nämlich absolut fähig.
    Aber das erinnert mich an noch was: in der Generation etwas älter als meine Eltern (also 30er-40er). Der Mann Zahnarzt. Und seine Olle (wirklich oll und doof) hat sich beim Bäcker, Fleischer ect. mit „Frau Doktor“ ansprechen lassen. Total krank. (Sie hat sich als Sekretärin den Doktor aus 2. Hand geangelt, der Klassiker sozusagen). Naja, sollen sie alle machen, wie sie müssen. Muss man ja nicht mitmachen.

    1. Ja es gibt sie durchaus die „sympathischen“ Profs und Docs. Das mit der „Frau Doktor“ kenne ich auch, das war ja in früheren Zeiten der Standard möchte ich bald sagen. Und darüber hinaus auch völliger Schwachsinn, wenn mein Partner einen Titel trägt, das verleiht ihn noch lange nicht mir auch. Muss man nicht nachvollziehen können – und nicht mitmachen, wie Du schon richtig schreibst.

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