Die Frage nach dem „warum musste sie so früh sterben“ bleibt unbeantwortet stehen, keiner kann sie nachhaltig beantworten. Alles was fortan noch bleibt ist die Erinnerung an Erlebtes aus den hinter uns liegenden Tagen. All die Freude, das gemeinsame Lachen über auch noch so großen Unsinn. Deine Überraschtheit über den Strauß blauer Rosen als wir uns einst kennenlernten und so manche „unserer“ Lieder von denen ich in diesen Tagen viele höre. Unsere unternommenen Reisen und all jene die wir noch geplant hatten oder von denen man zumindest träumte sie einmal zu unternehmen – alles ist nur noch Erinnerung.

Wenn man einen geliebten Menschen verliert stößt einen dies in ein tiefes Tal der Trauer. Man hat nur Trostlosigkeit vor Augen, die Frage ob und wie es wohl weitergehen wird, die Verzweiflung gehört von nun an mit zu meinem Lebensinhalt.

Auch wenn es kleine lichte Momente im Alltag gibt die den verschiedensten Ablenkungen geschuldet sind in denen die Gedanken nicht ausnahmslos um Dich kreisen, so wird man immer wieder zurück in diese abgrundtiefe Leere gerissen die einen unweigerlich bei Tag und Nacht umgibt.

Die Erinnerung ist ein stetiger Begleiter

Allen Erinnerungen voran sind jene vorherrschend die im direkten Zusammenhang mit dem Tod eines geliebten Menschen stehen. Es sind Worte aus dem Munde von Dir die immer wieder in meine Gedanken zurückkehren. Besonders präsent bleiben Worte die während des beginnenden Sterbeprozesses gesprochen wurden.

Ich kann mich z.B. noch sehr lebhaft daran erinnern, dass meine Verlobte am Abend vor ihrem Tod zu mir sagte, „kann ich bitte noch ein letztes Glas Cola haben“. Dieses „ein letztes Glas“….. wohl wissend dessen was nun unweigerlich kommen wird brachte auch für mich große Ernüchterung. Was ich lange nicht wahrhaben wollte stand nun dennoch bevor.

Jener Moment als sie diesen Satz zu mir sagte traf mich mit einer unbeschreiblichen Wucht und führte mir auf das Deutlichste die pure Realität vor Augen. Denn alles was nun folgte wird quasi „ein letztes Mal“ geschehen, einfach alles.

Meine Frau hatte auch mal im Bezug auf das Sterben gesagt, „für diejenigen die gehen ist es leichter, weil ihr bleibt hier alleine zurück“. Ich hatte den Satz seinerzeit vielleicht nicht richtig eingeordnet. Heute tu ich das. Jene die zurückbleiben haben den Kampf gegen den Schmerz des Todes, des Verlustes noch längst nicht gewonnen. Jeden Tag wenn wir morgens aufstehen werden wir an unsere ganz persönliche Einsamkeit, an all das was nicht mehr wiederkehren wird erinnert.

Erinnerungen sind die Rückkehr an den Ursprung der Trauer

Die Erinnerung beschreibt einen Teufelskreis in dem man sich als Hinterbliebener befindet, man erinnert sich an die vielen Aussagen des Verstorbenen, an das was er tat bzw. noch tun konnte in seinen letzten Wochen und wird damit zwangsläufig wieder ein Stück mit in diese nun herrschende Leere gerissen.

Die Erinnerung hat auch ein weniger schönes Gesicht. Immer dann wenn wir uns erinnern werden wir emotional an jenen Punkt zurückgeworfen, an dem das Sterben unabdingbar wurde und uns der geliebte Mensch verlassen hat. Die Erinnerung ist – bildlich gesprochen – wie eine dunkle Wolke die sich vor die wenigen sonnigen Momente schiebt an denen wir es versuchen aus dem Abgrund der Trauer ein wenig empor zu steigen. Erinnerungen sind jedoch auch schön und es ist wichtig dass es sie gibt. Sie halten den Verstorbenen auf eine gewisse Weise in unserer Mitte.

Es mag der Tag kommen an dem die Hässlichkeit des Todes meiner Frau etwas in den Hintergrund tritt. Dieser Tag ist aber noch fern und ob ich ihn erleben werde stelle ich in Zweifel. Je größer eine Liebe zu Lebzeiten gewesen ist desto tiefer der Abgrund in den man durch den Verlust dieses Menschen letztendlich gestoßen wird.

Mit der heutigen Beisetzung meiner Frau und dem letzten gemeinsamen Weg zu ihrer Ruhestätte bin ich nun ganz unten in diesem Abgrund angekommen.