Tod, Trauer, Abschied, Sterben

Der Tod findet in unserer Gesellschaft keinen Platz um thematisiert zu werden. Geht es um das Sterben so schieben wir dies stets weit vor uns her bis hinein ins hohe Alter, verlieren meist wenn überhaupt nur wenige Worte darüber. Der Tod wird im wahrsten Sinne des Wortes totgeschwiegen. Und dennoch ist der Tod täglich mitten unter uns. Bewusst wird uns das erst richtig wenn Unfall oder Krankheit über uns kommen. Viel Zeit um dann darüber zu reden, sich damit auseinander zu setzen bzw. es überhaupt zu begreifen bleibt nicht immer, manchmal auch gar keine.

Dem Tod täglich ins Auge blicken

So manche Diagnose verändert unser Leben völlig von einem auf den anderen Moment. Eine weit verbreitete Diagnose davon ist Krebs. An Krebs zu erkranken bedeutet lange Behandlungen, viel Zeit in Krankenhäusern zu verbringen, immer hoffen und bangen um den Erfolg von alle dem und dem Wunsch nach Zeit, viel Zeit. Steht die Diagnose fest, dass es sich um kleinzelligen Krebs handelt steht auch fest dass es keinerlei Heilung geben wird. Auch Zeit wird zu etwas was man als ein rares Gut betrachten sollte.

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Es beginnt ein komplett neuer Abschnitt des täglichen Lebens, gleichwohl für den Patienten als auch dessen Angehörige. Die Uhr des Lebens tickt nun lauter als wir es bislang wahrgenommen hatten. Und mit jeder fortschreitenden Sekunde rücken wir dem Unaufhaltsamen ein Stück näher – dem Ende dem Sterben. Nur der Zeitpunkt ist was nun noch verborgen bleibt.

Dieses Geschehen, einerseits dem Sterben permanent ins Auge zu blicken, zu begreifen und andererseits gleichzeitig für den Betroffenen da zu sein ist ein sehr schwieriger Spagat. Man kann ihn sich nicht ansatzweise vorstellen ohne ihn gemacht zu haben. Nichts, aber auch gar nichts ist mehr wie es einmal war. Es ein auf die Zeit bezogenes Sterben auf Raten.

Von Hoffnung zur Verzweiflung

Verzweiflung, AngstTrotz der Feststellung, dass es keine Heilung geben wird bewahrt man sich ein Stück weit Hoffnung auf „ein bisschen mehr Zeit“. Das ist menschlich, das ist normal und das ist auch gut so. Sie beginnt mit der Chemotherapie, man hofft dass diese etwas bewirken wird. Ein Stillstand des Krebswachstums wäre ein wahrlich großer Sieg.

Sie mündet jedoch spätestens an jenem Tag in purer Verzweiflung, an dem seitens der Ärzte das Resume der Behandlung gezogen wird und jeglicher Erfolg nur ein ganz persönlicher Wunsch geblieben ist. Was nun noch übrig bleibt ist ein Dasein in Angst, der Furcht was unweigerlich über uns hereinbrechen wird und ggf. dem Wunsch nach größtmöglicher Schmerzfreiheit die es irgendwie zu erreichen gilt.

Medizinisch wird dies von Palliativdiensten je nach Bedarf des Patienten mehr oder weniger intensiv begleitet. Großen Schrecken verbreitet die ärztliche Offenbarung, dass jeden Augenblick alles passieren kann. Mit anderen Worten, der Tod kann wie aus dem Nichts plötzlich eintreten. Jeder notwendige Schritt weg vom Patienten, ins Bad zum Duschen oder in die Küche eine kleine Mahlzeit zubereiten geht mit einer enormen Angst einher, es könne genau während der eigenen Abwesenheit mit ihm zu Ende gehen.

Ein sehr belastender Gedanke wenn gleich man es selbst gar nicht in der Hand haben bzw. steuern kann. Diese Angst weicht nie wieder von einem ab und wieder tickt die Lebensuhr ein deutliches Stück lauter, sie klingt nur „anders“.

Der Wunsch zu Hause sterben zu dürfen

Es ist nur zu verständlich wenn Erkrankte ihre wenige noch verbleibende Zeit nicht auf den Fluren von Kliniken zubringen möchten. Als Familie bleibt nun nur noch der bittere Weg möglichst viele Wünsche dem Sterbenden zu erfüllen, es ihm so „angenehm“ wie nur möglich zu gestalten.Vieles ist hier möglich nur leider wird dies von den Klinikärzten oftmals weder erwähnt noch angeboten.

zuhause, daheimWas zu Beginn der Zeit zu Hause im Hinblick auf Vitalität etc. trotz der schweren Erkrankung noch „ganz gut“ aussieht verändert sich stetig zum Schlechteren, mal in größeren Schritten, mal ein kleineren manchmal hat es sogar kurz den Anschein still zu stehen. Hoffnung und Verzweiflung, Auf und Ab’s liegen in dieser Phase sehr nahe beieinander und machen es alles andere als leicht damit.

Dieser körperliche Verfall ist für Angehörige im Erlebnis eine extrem schlimme Zeit. Was vorgestern noch in Ordnung gewesen ist klappt heute schon nicht mehr. Das Bild es letztendlichen Abschieds wird immer deutlicher so sehr man es auch verdrängt. Man „funktioniert“ nur noch. Tränen gibt es zuhauf, mal alleine und nicht selten zusammen mit dem Erkrankten.

Spätestens jetzt ist man dankbar „schon zeitig“ über das Ende des Lebens und wie man es selbst gerne hätte gesprochen sowie eine Patientenverfügung (Vorsorgevollmacht) angelegt zu haben. In diesen jetzigen Zeiten könnte man hier höchstwahrscheinlich nicht mehr den nötigen klaren Gedanken fassen der von Nöten ist.

Man spendet sich immer wiederkehrend gegenseitig Trost so gut wie möglich, spricht über Vergangenes – über die schönen und guten Dinge die man zusammen erleben durfte. Man zieht beispielsweise auch die Weihnachtsdekoration zeitlich etwas nach vorne, damit die letzten Tage noch ein wenig Flair davon abbekommen, in erster Linie für den Sterbenden. Gleichzeitig verliert dieses Fest für mich persönlich komplett an Bedeutung blickt man der Tatsache ins Auge, es dieses mal und auch zukünftig alleine verbringen zu müssen.

Und über allem schwebt vehement der Tod wie des Damokles Schwert. Eine psychische Katastrophe für beide Seiten welche man sich noch vor einem Jahr so nicht vorstellen hätte können.

Fünf Monate lang Abschied nehmen – ein emotionaler Marathon

Tod, Trauer, Abschied, SterbenFür immer Abschied nehmen ist weiß Gott nicht leicht, vom geliebten Partner noch viel weniger. Ein Abschiedsprozess über 5 Monate aber ist die Hölle auf Erden, ich kann es jedem bestätigen. Zu wissen dass es passieren wird ist sehr schlimm, nicht zu wissen wann es so weit sein wird und jeden Tag zu beginnen mit der Angst „heute kann es geschehen“ ist ein Martyrium das ich niemanden wünschen möchte. Freude über jeden gewonnen Tag und Furcht vor dem letzten liegen sehr eng beieinander.

Man möchte helfend eingreifen und kann es nicht, die persönliche Hilflosigkeit ist hier zu allem ohnehin vorhandenem Verlustschmerz ein sehr bedrückender Faktor. Hilfe kann nur in soweit geschehen, es dem Partner so angenehm wie nur möglich zu gestalten.

Ein plötzlicher Tod, sei es z.B. durch einen Unfall macht es für Hinterbliebene natürlich nicht einfacher. Das Sterben eines nahestehenden Menschen ist immer furchtbar und das Loch in welches man fällt ist unsagbar tief. Und dennoch, ein plötzlicher Tod kann meines Erachtens „besser als Ereignis gefasst werden“ als ein über Wochen ja Monate hinweg schleichender Tod dessen Plan keiner kennt. Nicht zuletzt auch deswegen, weil man den geliebten Menschen nicht täglich ein Stück weiter weg gleiten sieht was sehr schmerzhaft ist.

Die letzte Reise im Kreise der Familie

Was Sterbende im Augenblick ihrer letzten Reise alles um sich herum wahrnehmen….. es kann schlussendlich niemand genau beantworten. Mutmaßungen darüber gibt es viele. Ich persönlich bin der Meinung, dass meine Angie schon mitbekommen hat, dass die ganze Familie versammelt gewesen ist um für immer Abschied zu nehmen. Und das ist für mich sehr schön zu wissen.

Für den Verstorbenen ist es eine Erlösung, ein Erlösung von Krankheit und Leid. Dies ist aber der einzige Trost den es diesem Augenblick abzugewinnen gibt. Nun sind alle am Grund eines Loches angekommen in welches man fünf Monate stetig gestürzt ist. Jetzt beginnt die Verarbeitung, die Befreiung aus dem dunklen Abgrund. Jeder Mensch geht anders mit dieser Verarbeitung bzw. Befreiung um, manche schneller als andere. Dies hat nichts mit Vergessen zu tun, denn der Schmerz des Verlustes wird immer bleiben. Nur der Umgang damit wird sich eventuell verändern.

Trauer Sterben TodTrauerverarbeitung ist sehr individuell und Momente des tiefen Schmerzes werden immer wieder in unterschiedlicher Intensität ans Tageslicht gelangen. Augenblicke hierzu wird es leider genügend geben.

Niemand anderer vermag zu sagen wie tief das Loch eines jeden einzelnen Familienmitgliedes ist in das uns ihr Tod gestürzt hat als jeder für sich selbst. Ich selbst jedoch werde das Entrinnen aus diesem Abgrund wohl nie komplett schaffen. Viel zu früh wurde mir das was ich am meisten geliebte habe und weiter lieben werde für den Rest meines – wie lange auch immer noch dauernden Daseins – genommen.

Zurück bleibt nur innere Leere und bedrückende Stille überall dort wo wir einst gemeinsam lachten, liefen, saßen und auch träumten. Was mir bleibt ist nur die Erinnerung daran sowie der schreckliche Schatten der vergangenen Wochen geprägt von Schmerz und Leid.

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Finde nun Deinen Frieden meine geliebte Angie. Ich werde Dich immer in meinem Herzen tragen bis dass wir wieder vereint sind. Bis dahin halte ich unsere Traditionen soweit es mir irgendwie möglich sein wird hoch und Du wirst damit stets in unserer aller Mitte sein.

Über Thomas Liedl
Ich beschäftigte mich mit gemischten Themen aus Gesellschaft, Politik, Technik und Sport. In meinen Praxistests schreibe ich über eigene Erfahrungen mit Produkten bzw. Dienstleistungen im und außerhalb des Internets. | Facebook | Twitter | LinkedIn

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3 Kommentare
  1. Alex sagte:

    Es ist so unendlich traurig. Und doch bewundere ich deine letzten Zeilen mit den Traditionen und der „unsere aller Mitte“. In Gedanken bei dir, schicke ich dir Kraft so gut es geht.

    Antworten

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] Entscheidung fiel jedenfalls zu Gunsten von einem Palliativdienst der näheren Umgebung. Ich kann aus heutiger Sicht leider nur noch für mich selbst sprechen, aber ich würde diese Entscheidung exakt so und ohne jede Einschränkung wieder treffen. Von […]

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