Die Gewalt gegen Schiedrichter wird im Fussball zu einem zunehmend größeren Problem. Insbesondere, aber nicht ausschließlich, in den Amateurligen und im Jugenfussball. Immer häufiger liest man von abgebrochenen Partien in den Kreisligen oder Landesligen, nach dem entweder Spieler selber oder Zuseher zumeist hilflose Schiedsrichter attakiert haben.

80.000 qualifizierte Schiedsrichter

In der Bundesrepublik gibt es rund 80.000 qualifizierte Schiedrichter, von Jugendlichen in den Nachwuchsligen bis zu bekannten Bundesliga-Schiedrichtern wie Wolfgang Stark. Die besten von ihnen können in Deutschland zwar gut verdienen, bleiben aber Amateure. Die große Mehrheit dieser 80.000 hingegen bekommt aber gerade mal eine Aufwandsentschädigung und tut sich diese Aufgabe aus Liebe zum Spiel an.

Emotionaler Druck in der Champions-League

Dafür müssen sie sich angesichts eines immer schneller und athletischer werdenden Spiels, einer rigorosen Ausbildung unterziehen sowie sich Schritt für Schritt hocharbeiten. An der Spitze angekommen stehen dann, mit Bundesliga, englischen Wochen, Cup, Europa-Cup-Spiele und auch internationale Begegnungen der Nationalmannschaften mehrere Spiele in der Woche an. Auf diesem Level werden alle Entscheidungen minutiös mithilfe dutzender Kamereinstellungen analysiert, kritisiert und oftmals von Trainers bewusst zur Ablenkung von eigenen Schwächen eingesetzt. Physische Gewalt gegen die Schiedsrichter oder ihre Assistenten stellen in der Bundesliga oder Champions-League klar die Ausnahme dar.

Physische Bedrohung in der Kreisliga

Ganz anders sieht es aber an der Basis aus. In den unteren Ligen sind Zwischenfälle schon fast Normalität und ein Zeichen für die zunehmende Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft. Im vergangenen Jahr wurden dabei rund 600 physische Attacken gegen Schiedsrichter verzeichnet. Zudem gibt es auch noch eine hohe Dunkelziffer an nicht gemeldeten Fällen, bei denen Schiedsrichter zum Beispiel „nur“ gerempelt oder verbal massiv bedroht werden. Umfragen unter Schiedsrichtern bestätigen dieses Bild. Ganze 40% gaben an, schon in ihrer Karriere bedroht worden zu sein. Unglaubliche 20% wurden sogar bereits Opfer körperlicher Gewalt.

Ähnliche Zahlen kennt man auch auf der britischen Insel, wo in den letzten Jahren um die 7.000 Schiedsrichter frühzeitig ihre Karrieren beeden mussten, nachdem sie dem Druck nicht mehr Stand halten konnten. Einer der bekanntesten ehemaligen Schiedsrichter in der Premier League war Graham Poll. Auch er trat nach einer Fehlentscheidung bei der WM 2006 in Deutschland frühzeitig zurück. Der Brite schlägt klare Regeln für das Verhalten von Spielern und Trainern als Lösung für die zunehmende Gewalt gegen Schiedsrichter vor. Denn obwohl in den höchsten Leistungsstufen des europäischen Fußballs es ganz selten zu körperlichen Zwischenfälle gegen Schiedsrichter kommt, imitieren Jugend- und Amateurfussballer gerne das aggressive Verhalten ihrer Idole und schlagen dabei schon mal über die Stränge. Gerade hier müssen sich so prominente Schreihälse wie Jürgen Klopp oder Jose Mourinho ihrer Vorbildwirkung mehr bewusst werden.

Respektvoller Umgang als Ziel

Mittelfristiges Ziel aller Akteuere sollte, ähnlich wie im Rugby, der respektvolle Umgang miteinander sein. Denn Schiedsrichter können nicht länger das Ventil für gesellschaftliche Probleme, schlechte Erziehung oder auch nur unkontrollierte Emotionen sein. Auf die Gefahr hin in wenigen Jahren ein noch größeres Defizit an Schiedsrichtern zu haben, ist der deutsche Fussball aufgerufen dafür Sorge zu tragen, dass Spieler, Trainer, Funktionäre, Zuschauer und Referees sich mit mehr Respekt begegnen.