Über vierzig Millionen Deutsche benötigen eine Brille um ihre Sehschwäche auszugleichen. Das Verhältnis zwischen Frauen und Männern ist dabei sehr ausgeglichen. Deutschland wird deswegen auch manchmal als das Brillenland bezeichnet. Der Standard ist seit jeher eine Fern – und/oder Lesebrille. Zwar nicht neu auf dem Markt, die Gleitsichtbrille, eine Kombination zwischen Fern- und Lesebrille mit meist unsichtbaren Unterschieden innerhalb des Schliffs der Gläser. Eine solche Kombination ermöglicht zum einen eine gewisse Bequemlichkeit häufig zwischen beiden Brillenoptionen wechseln zu müssen. Zum anderen erfordert sie jedoch eine unter Umständen längere Phase der Gewöhnung für den Brillenträger. Letzteres führt nicht bei allen zum befriedigenden Ergebnis – zum guten Sehen.

Viele Optiker bieten in regelmäßigen Abständen Sonder- und Rabattaktionen im Zusammenhang mit Gleitsichtbrillen an. So geschehen auch bei meinem Optiker. Weil ich in das Raster der in Frage kommenden Kunden gefallen bin – ich benötige eine Brille sowohl für die Ferne als auch zum Lesen – wurde mir von meinem Optiker der Schritt in Richtung Gleitsichtbrille empfohlen. Der Unterschied bei der Brillenanpassung besteht hauptsächlich darin, dass spezielle Vermessungen vorgenommen werden die für eine „perfekte Gleitsichtbrille“ erforderlich sind.

Auch die persönlichen Gewohnheiten wie Lesen, Autofahren, Computerarbeit, TV etc. werden in ihrer täglichen und prozentualen Aufteilung erörtert um die Eignung für eine Gleitsichtbrille festzustellen. Dieser Punkt ist sowohl enorm wichtig als auch sehr schwer in seiner Beantwortung was man zunächst nicht vermuten würde.

Gleitsichtbrille ist nicht gleich Gleitsichtbrille

Anders als bei einer Einstärkenbrille, z.B. einer Fernbrille, gibt es bedeutende Unterschiede bei Gläsern für die Gleitsicht. Dem fließenden Übergang zwischen Nah (bis ca. 50 cm) und Fern (ab ca. 2 Meter), der sogenannte Progressionszone (ca. 50 cm bis 2 Meter), kommt eine besondere Bedeutung zu. Hier verbirgt sich auch der Löwenanteil des Preises für die Gleitsichtgläser. Meist unterteilt in vier Gruppen von Standard bis zur Oberklasse liegen die Preise für Gleitsichtgläser zwischen 200 € und 1000 € pro Paar und auch noch darüber hinaus. Die allermeisten Optiker benennen diese vier Gruppen mit Standard-, Komfort-, Premium- und individuelles Gleitsichtglas.

Der Hauptunterschied zwischen Standardglas und individuellem Glas ist die Größe des „scharfen Bereiches“ der Progressionszone. Ist er beim Standardglas relativ schmal gehalten so ist er beim individuellen Glas deutlich breiter ausgerichtet.

Größtes Problem mit der Gleitsichtbrille

Wer wie ich seit Jahrzehnten eine Einstärkenbrille benutzt hat sich daran stark gewöhnt. Ein Hauptmerkmal der Einstärkenbrille dabei ist, dass der Kopf mit in die Blickrichtung geht. Lese ich Zeitung, senke ich auch den Kopf in Richtung derselben. Dies wird mit einer Gleitsichtbrille nicht mehr funktionieren! Ab dem Moment des Umstiegs sollen sich nur noch die Augen bewegen, nicht mehr der ganze Kopf. Sprich die Kopfhaltung ist „geradeaus“ und nur meine Augen sehen nach unten….. z.B. zur Zeitung auf dem Tisch. Die Gewöhnung an diese Änderung des Blickwinkels wenn man so möchte stellt meines Erachtens das größte Problem bei der Verwendung einer Gleitsichtbrille dar.

Die Umstellung erfordert wie schon eingangs angeschnitten Zeit, beim einen mehr und beim anderen weniger. Eine weitere Personengruppe – man beziffert sie auf etwa 4% – wird mit einer Gleitsichtbrille niemals zurecht kommen. Zu diesen 4% zähle auch ich wie ich leider erst aus heutiger Sicht behaupten kann. Selbst nach mehr als 5-wöchiger „Testphase“ bereiten mir die Gleitsichtgläser Kopfschmerzen durch verschwommenes Sehen, Tendenz gleichbleibend. Mein Blickfeld glich dem eines Papprohres oder Fernglas. „Ein scharfer Punkt“ und alles umliegende verschwommen. Und das obwohl ich Gläser aus der Komfortklasse erhalten habe.

gleitsichtbrille sehen

Der „Kopfweh-Blick“ durch die Gleitsichtbrille

Garantie zum Austausch der Gläser

Viele Optiker geben dem Kunden eine Garantie, dass er kostenlos umsteigen auf Einstärkengläser kann, wenn es mit einer Gleitsichtbrille überhaupt nicht klappen will. Wichtig ist deswegen darauf zu achten, dass es bei der Entscheidung für eine Gleitsichtbrille diese Garantie gibt um im „Ernstfall“ nicht doppelte Kosten zu haben. Mein Optiker bot diese Garantie an und der „Rückschritt“ zur Einstärkenbrille wurde letztlich eingeleitet. Nun liegen auf meinem Tisch zwei Brillen, eine Lesebrille und eine Fernbrille.

Zwar fällt nun die durchaus sehr angenehme Bequemlichkeit weg nicht mehr zwischen Nah- und Fernbrille wechseln zu müssen, doch aufgewogen mit den genannten Problemen ist dieser Schritt definitiv richtig. Denn trotz Brille „schlecht zu sehen“ und Kopfschmerzen zu haben kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Mit einer solchen Garantie im Rücken kann ich jedem empfehlen eine Gleitsichtbrille zu testen, wenn es klappt und man zurecht kommt sicher eine feine Sache, gehört man eben nicht zu diesem 4%-Personenkreis der nicht geeignet ist derartige Brillengläser zu benutzen. Und manchmal gilt eben auch bei einer Brille – never change a running system – zumindest bei der Gläserauswahl.