Erster Klasse mit der Deutschen Bahn zu reisen – da stellt sich manch einer etwas Besonderes vor. Genau genommen auch durchaus verständlich, denn der Unterschied zu einer Fahrkarte in der 2. Klasse ist doch beachtlich. In wie weit es tatsächlich etwas Besonderes ist und ob sich die Mehrkosten wirklich lohnen? Dieser kleine Praxistest gibt einen Einblick in die noble Welt der Business Class der Deutschen Bahn.

Es beginnt schon bei der Buchung der Reise. Hier stehen, sofern man nicht im Internet die Buchung vornimmt, extra Schalter für Kunden der ersten Wagenklasse bereit. Erster spürbarer Vorteil dabei, die Warteschlangen vor den Fahrkartenschaltern sind erheblich kürzer als jene, die es oftmals an den restlichen, „zweitklassigen“ Ticketausgaben zu sehen gibt. Doch auch für die 1.Klasse darf am Schalter ein Aufschlag von 5,00 Euro gegenüber der Internetbuchung bezahlt werden.

Einen Unterschied zur Freundlichkeit festzustellen dürfte schwierig sein. Denn auch an den Schaltern der 1. Klasse sitzen nur Menschen, die nicht alle Tage einen guten Tag haben „müssen“.

Bemerkenswert und auch gleichzeitig frei von jeder Rechtfertigung fand ich, dass eine Platzreservierung in der 1. Klasse mit 5,50 Euro pro Richtung um einen Euro teurer ist als in der 2. Klasse. Immerhin wird bei diesem Vorgang eigentlich „nur“ ein Platz reserviert. Und dieser Vorgang ist für beide Wagenklassen absolut identisch.

Hier scheint es mir tatsächlich so zu sein, als würde einfach der sowieso höhere Fahrpreis als Begründung herangezogen, für ein und denselben Arbeitsschritt gleich noch etwas Mehr an Geld einnehmen zu wollen. Platzreservierungen in der 1.Klasse sollten angesichts des hohen Fahrpreises für mein Empfinden sowieso inklusive sein und nicht noch extra zu Buche schlagen.

Die Fahrt im ICE an sich. Die Beinfreiheit in der ersten Klasse ist schon spürbar besser. Der Abstand zum Vordermann lässt ein etwas entspannteres Sitzen gerade für längere Fahrten zu, verstellbare Fußraster sind auch in Klasse zwei der Standard. Die ausklappbaren Tische sind etwas klein geraten.

Beengter „Arbeitsplatz“ in der 1. Klasse eines ICE

Nutzt jemand sein Notebook so bekommt er spätestens dann ein Problem, wenn noch ein Getränke dazu kommen sollte. Mit einem Netbook ist es wegen der geringeren Größe gerade noch mal so möglich, den Kaffee neben der Arbeit zu genießen, ohne diesen permanent in Händen halten zu müssen.

Wirklicher Reisekomfort sieht schon ein wenig anders aus. Wer aus welchen Gründen auch immer etwas mehr Platz möchte sollte sich in jedem Falle einen Platz in einer 4er-Gruppe mit Mitteltisch reservieren. Das Platzangebot auf dem Tisch fällt dort ein wenig großzügiger aus.

Den kleinen Bildschirm vor Augen in allen Ehren, während meiner Fahrt kam auf den 2 angebotenen Kanälen nur das bewährte schwarz-weiße Rauschen, eine Steckdose für Geräte wie Handy, Laptop oder dergleichen wäre mir lieber gewesen. Steckdosen gibt es nämlich ausschließlich bei den Sitzgruppen mit Mitteltisch und dort auch nur eine einzige davon. Bei 4 angebotenen Plätzen muss man sich mit 3 Nachbarn absprechen, wer wann und wie lange Strom zapfen darf.

Wenigstens eine Steckdose mehr hätte an dieser Stelle garantiert keine Finanzkrise der Bahn ausgelöst. Bei diesem Fahrpreis sollte ich mich aber einerseits nicht um eine Steckdose „streiten“ müssen und andererseits grundsätzlich an jedem Platz die Möglichkeit der Stromentnahme haben. Vor allem und erst recht dann, wenn der Wagen als „Handyzone“ ausgewiesen ist und von vielen genau deswegen gebucht wird, um u.a. sein mobiles Büro nutzen zu können. Einen vollen und ausdauernden Akku solle man also schon mitnehmen, will man unterwegs etwas tun.

Im ICE der dritten Generation sind diese Probleme nicht gegeben, dort sind Steckdosen in ausreichender Zahl vorhanden. Aber welchen Einfluss hat der Kunde auf das verwendete Fahrzeug beim Kauf einer Fahrkarte für eine bestimmte Strecke? Nämlich keinen. In der Gesamtheit betrachtet komme ich fürs gleiche Geld den schlechteren Service, weil ich das Pech hatte einen ICE-1 zu erwischen. Bei der doch beachtlichen Höhe des Fahrpreises sollte aber doch bitte nicht auch noch Glück erforderlich sein.

Der Service am Platz ist recht ordentlich ohne jetzt extrem hervor zu stechen, hängt aber auch von der Motivation des Personals stark ab, wie der Unterschied zwischen Hin-und Rückfahrt gezeigt hat. Aus einem Angebot von 4 oder 5 großen Tageszeitungen erhält man gratis was man haben möchte direkt am Platz angeboten. Ebenso werden kleine Aufmerksamkeiten wie Erdnüsse oder eine bspw. eine Packung Tic-Tac im Verlauf der Reise gereicht.

Kostenpflichtig wird es erst bei Getränken oder Speisen, die das Zugpersonal ebenfalls am Platz serviert. Zwischen 20 und 50 Cent Aufschlag werden dafür extra berechnet. Spielt bei einem Kaffee für 2,70 Euro auch keine Rolle mehr, wenn dieser jetzt 2,90 Euro kostet. Einziger Unterschied – er wird mittels einer „richtigen“ Tasse mit Löffel anstelle eines Plastikbechers mit Holzstäbchen serviert.

Insgesamt ist in der 1. Klasse etwas ruhiger, sodass Überfüllungen wie sie in Klasse zwei schon häufiger mal vorkommen eher die Ausnahme bilden. Wählt man nach Möglichkeit einen Wagen an der Spitze des Zuges oder am Ende, entfällt auch der gesamte „Durchgangsverkehr“ anderer Reisender. Wichtig für all jene, die sich dadurch ggf. gestört fühlen könnten.

Hier endet allerdings die Liste der nennenswerten Gründe des Reisens in der ersten Klasse. Mehr wirklich herausragendes Geschehen im Unterschied zur „Touristenklasse“ ist nicht festzustellen, worauf ich die Rechtfertigung des Mehrpreises stützen und erklären könnte. Es darf und muss nun jeder selbst entscheiden, ob er für all die genannten „Besonderheiten“ bereit ist tiefer in die Tasche zu greifen.

Und um ehrlich zu sein, wäre ich nicht in den Genuss einer Freifahrt gekommen, es hätte diesen Praxistest so nicht gegeben. Die Preise der Deutschen Bahn sind generell zu hoch. Hier jetzt nochmals deutlich mehr auszugeben, nur weil ich den Kaffee zusammen mit einer Zeitung an den Platz geliefert bekommen kann, dazu bin ich echt nicht bereit. Egal dürfte der Preisunterschied in erster Linie Geschäftsreisenden sein, welche die Quittung einreichen und erstattet bekommen oder Leuten, bei denen eine gute Reise bereits beim Fahrpreis beginnt und Geld keine bedeutende Rolle spielt.

Denn eines ist auch klar, schneller erreicht man auch in der 1. Klasse sein Ziel nicht und die Freundlichkeit des Zugbegleitpersonals ließ während meines Test auch mindestens einmal sehr zu wünschen übrig! In einem Großraumwagen, der gerade mal zu 20 % ausgelastet war, verjagte der Herr „Zugschef“ einen kleinen Hund vom mit einer Decke geschützten Sitz mit einem sehr patzigen Tonfall und den Worten

Hunde hier eigentlich nur in geschlossenen Behältnissen

Nur in solchen Behältnissen ist die Mitnahme gratis. Andernfalls fällt ein Fahrpreis an, der dem einer Kinderfahrkarte gleich zu setzen ist. Ein Hund hat aber trotz seines Fahrscheins keinen Anspruch auf einen Sitzplatz – Reservierung ebenfalls ausgeschlossen. Ansichtssache, ob dies kundenfreundlich zu werten ist.

Echter Service und die passende Freundlichkeit dazu lassen sich eben nicht über die Höhe des Fahrpreises steuern – auch nicht bei der Deutschen Bahn.