friedhof ruhestaette

Welcher Trauernde kennt sie nicht, Aussagen die einem nach einem Todesfall immer und immer wieder begegnen und in unserer Gesellschaft doch sehr weit verbreitet sind. Der geläufigste Satz dürfte wohl „Die Zeit heilt alle Wunden“ sein. Weitere Floskeln wären da noch:

  • Das Leben geht trotzdem weiter
  • Du musst jetzt nach vorne blicken
  • Neuanfang machen – nicht in der Vergangenheit leben
  • Lass Dich jetzt nicht hängen

Ich bestreite nicht, dass das Leben trotz allem Schicksal weiter geht. Auch das der Blick jetzt nach vorne gerichtet und nicht in Richtung Vergangenheit schweifen soll. Doch was bei allen diesen sicherlich auch nur gut gemeinten Sprüchen immer wieder fehlt ist der Zusatz, „wie es funktionieren soll“. Auf die unerwartete Nachfrage dahingehend erntet man nicht selten einen erschrockenen und auch ratlosen Blick des Ratgebers.

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Das Leben geht weiter

Man kann es niemandem zum Vorwurf machen wenn er einen solchen Ratschlag äußert, das tat ich nie und werde es auch zukünftig nicht tun. Dennoch bin ich der Ansicht, dass ein gegebener Rat auch eine Begründung beinhalten sollte weshalb man genau diesen Rat gibt. Ohne diese Untermauerung sind es in meinen Augen nur leere Worthülsen ohne jeglichen Wert. Weil eben weit verbreitet, deswegen so angewandt.

Erinnerungen, TrauerDas Leben geht weiter, keinesfalls jedoch so wie ich es gekannt habe und gewohnt gewesen bin. Niemand ist mehr da, mit dem ich wie mit meiner Frau so reden kann wie ich es nur mit ihr konnte.

Niemand ist mehr da, der mir bei Entscheidungen hilft die richtige zu treffen. Niemand ist mehr da, dem ich so grenzenloses Vertrauen schenken kann.

Niemand ist mehr da, mit dem ich schlichtweg mein Leben teilen kann, die erfreulichen wie auch unerfreulichen Seiten. Mit dem Tod meiner Frau habe ich nicht nur einen geliebten Menschen verloren sondern auch gleichzeitig die allerbeste Freundin die man haben konnte.

Tod des Partners als neue Lebensperspektive?

Der Umgang mit dem Tod und die zahlreichen Sichtweise die es hierzu gibt – auch im Internet – erschlagen mich geradezu. Jeder Hinterbliebene geht anders damit um und jede Form von Hilfestellung ist extrem schwierig wenn überhaupt möglich. Lese ich aber, dass der Tod des Partners als „neue Lebensperspektive, Lebensgefühl und Chance“ gesehen werden soll verschlägt es mir wirklich ein wenig die Sprache.

Es stimmt, die Lebensperspektive und auch das Lebensgefühl haben sich komplett verändert. Geschah es aber zum Guten? Ganz und gar nicht, auf dieses „neue Lebensgefühl“ hätte ich liebend gerne verzichtet weil es alles andere als schön ist. Und hierin noch Chancen oder wie es mancherorts zu lesen ist einen Gewinn zu entdecken scheint mir doch von sehr weit hergeholt. Der Tod des Partners ist weiß Gott kein Gewinn es sei denn man ist froh darüber ihn „los zu sein“.

Die Zeit heilt alle Wunden – nur ein Wunschgedanke

Der Tod meiner Frau bedeutet für mich den Verlust von jeglicher Lebensfreude. Ich funktioniere eben, ja. Unsere Gesellschaft erwartet dass wir funktionieren. Ich erledige Dinge die erledigt werden müssen, wenn auch der eigenen Gesundheit geschuldet meist nicht in der Zeit wie es früher einmal war. Darüber hinausgehend ist allerdings nichts mehr was in jedweder Art und Weise so Spaß bereiten würde als das zusammen mit ihr der Fall war.

Die Zeit heilt alle Wunden, das mag für einzelne Personen zutreffend sein. Die Wunde in meinem Herzen ist zu groß für diese Heilung. Solche Wunden heilen niemals ab, sie werden bestenfalls etwas kleiner aber hinterlassen immer ihre tiefen Spuren. Nur ein „gesundes Herz“ kann Frohsinn verbreiten und mit Wohlgemut in die Zukunft schauen. Zu alle dem habe ich „unser Nest“ verloren das wir zusammen und trotz mancher Schwierigkeiten in all den Jahren des gemeinsamen Lebens aufgebaut haben. Dies riss die sowieso schon tiefe Wunde noch ein Stück weiter ein.

Wohl demjenigen, dem es gelingt mit dieser schicksalhaften Lebenserfahrung besser klar zu kommen und sein Leben im Griff zu haben so wie einst. Ich gönne es jedem. Mir gelang es bisher nicht und besonders große Hoffnung das ich meinen Verlustschmerz jemals als leichter empfinden oder ihn gar ablegen kann habe ich um ehrlich zu sein nicht. Dafür bin ich zu sehr ein Realist.

Neuanfang machen – nicht in der Vergangenheit leben

Im Zusammenhang mit dem durch den Tod notwendig gewordenen Wohnungswechsel bekam ich auch diesen Satz hören. Er ist wie einige andere „gut gemeint“ und ich nehme es demjenigen selbstverständlich nicht übel. Einen Neuanfang zu machen, das wäre für mich wie ein „Reset“. Alles einfach auf Null stellen und weitestgehend von vorne zu beginnen. Dies hat für mich nicht nur ein bisschen den fahlen Beigeschmack des Vergessens jenes Weges der hinter uns/mir liegt. Ich mag mich täuschen kann allerdings nicht über meinen eigenen Schatten springen und einen Weg beschreiten der mir gefühlsmäßig nicht liegt.

Einen Neuanfang zu starten nach einem so schmerzvollen und emotionalen Verlust ist mir einfach nicht möglich. Schon gar nicht heute und selbst am weiten Horizont meiner eigenen Zukunft kann ich einen solchen Neuanfang nicht kommen sehen. Was tatsächlich neu beginnt oder besser vor kurzem neu begann ist lediglich die Zeitrechnung ohne meine geliebte Frau. Wohl dem, der hier ganz simple den Strich ziehen und trotz des erlebten Schicksals neu durchstarten kann. Doch halt… ich will jetzt wirklich ehrlich sein, ich möchte das gar nicht. Ein enorm wichtiger Bestandteil meines Lebens ist verloren gegangen der für jede Art von „Durchstarten“ enorm wichtig gewesen wäre.

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Die Zeit heilt alle Wunden – es bleibt weiterhin ein Satz der im Hinblick auf Trauer um einen verstorbenen Menschen einfach zu wenig Realität beinhaltet.

Über Thomas Liedl
Ich beschäftigte mich mit gemischten Themen aus Gesellschaft, Politik, Technik und Sport. In meinen Praxistests schreibe ich über eigene Erfahrungen mit Produkten bzw. Dienstleistungen im und außerhalb des Internets. | Facebook | Twitter | LinkedIn

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